Kitsune

XXXIII.

Aus Liebe

Rem beobachtet mit Genugtuung, wie Sasaki erbleicht, als Mr. Inouye das Büro betritt. Sie erinnert sich daran, wie Sasaki über Mr. Inouye gesprochen hat, damals als sie nach der Arbeit im Restaurant gewesen sind und Sasaki zu viel über Inouyes Privatleben erzählt hat. Sasakis Talent, sich beliebt zu machen, scheint bei Mr. Inouye versagt zu haben, und zwar gewaltig, gemessen daran, wie sie versucht hat, ihn als einen Tyrannen darzustellen, dem nichts an seinem Enkel liegt. Was unwahrer nicht sein könnte.

Und so froh Rem darüber ist, so kann sie doch nichts gegen das mulmige Gefühl in ihrem Magen tun, das sie dazu bringt, zu Inouye zu sehen.

Er sieht genauso überrumpelt aus, wie sie erwartet hat und das ist kein Wunder, da sie ihn mit keinem Wort vorgewarnt hat. Mr. Inouye hat ihr davon abgeraten, was sie jedoch ignoriert hätte, wenn er nicht hinzugefügt hätte, dass Inouye bereits über Sasakis Taten Bescheid weiß.

Mr. Inouye bleibt vor Rem stehen, ohne Sasaki oder sogar seinen Enkel eines Blickes zu würdigen. »Guten Morgen, Ms. Aozora. Wie geht es Ihnen?«, fragt er höflich und mit Blick auf Rems rechten Arm.

»Guten Morgen, Mr. Inouye.« Rem neigt zur Begrüßung den Kopf. »Es freut mich, dass Sie es einrichten konnten und es geht mir gut, danke der Nachfrage.«

»Hm«, macht Mr. Inouye nur und mustert sie kritisch, als wäre er mit dieser Antwort nicht zufrieden.

Aber Rem behält ein Lächeln auf dem Gesicht, bis er sich abwendet. »Ms. Sasaki, folgen Sie mir!«, sagt er, ohne Sasaki dabei anzusehen, und geht auf Hansawas Büro zu.

Sasakis Blick folgt ihm, bevor er sich auf Rem richtet. Ein düsteres Funkeln tritt in ihre Augen und sie verzieht wütend das Gesicht.

»Ms. Sasaki!«

Sasaki zuckt bei Mr. Inouyes scharfer Stimme zusammen. »Kohei!«, sagt sie und als sie Inouye ansieht, ist von der Wut, mit der sie Rem angesehen hat, nichts zu sehen. Sie packt seine Hand und Inouye erhebt sich mit einem Lächeln. »Du weißt doch, wie er ist«, sagt er mit so sanfter Stimme, dass sich Rem auf die Lippen beißt. »Wir sollten gehen.«

Rem ballt die Hände zu Fäusten, während sie beobachtet, wie Inouye Sasaki einen Arm um den Rücken legt und seinem Großvater folgt. Es ist gut, dass er hilft, damit das folgende Gespräch nicht im Büro vor all ihren Kollegen geführt wird, aber Rem gefällt es trotzdem nicht. Sie war sich zuvor sicher, dass Inouye auf ihrer Seite sein würde, aber jetzt, wo sie weiß, dass er über Sasakis Taten informiert ist, ist sie sich nicht mehr sicher. Da sie seinen Großvater auf ihrer Seite hat, macht es wohl keinen Unterschied, aber der Gedanke, dass er Sasaki in Schutz genommen hat und es weiter tun wird, ist so unangenehm, dass es ihr schwerfällt, ebenfalls in Hansawas Büro zu gehen.

»Rem!«

Offenbar hat Rem lange genug gezögert, sodass Mori zu ihr herübergekommen ist, zweifellos um zu fragen, was los ist. Aber Rem hebt eine Hand, bevor sie fragen kann. »Ich erzähl es dir später«, murmelt sie, bevor sie hastig Sasaki und Inouye folgt.

Als Rem Hansawas Büro betritt, hat Mr. Inouye sich bereits Hansawas Stuhl einverleibt, auch wenn Hansawa, gemessen an seinem Gesichtsausdruck, ihn wohl freiwillig aufgegeben hat.

»Ms. Aozora!«

Rem, die noch damit beschäftigt ist, Inouyes Rücken anzustarren und seine Hand, die auf Sasakis Taille liegt, während sie beide vor Hansawas Schreibtisch stehen, zuckt zusammen, als Mr. Inouye sie anspricht.

»Kommen Sie her.« Mr. Inouye macht eine Geste, um ihr zu bedeuten, sich links neben ihn zu stellen.

Inouye und Sasaki drehen sich zu Rem um, die plötzlich überall nur nicht zu Inouye sehen will und eilig an den beiden vorbeiläuft, um sich neben Mr. Inouye zu stellen.

»Sie wissen, weshalb ich hier bin, Ms. Sasaki und ich hoffe, Sie haben den Anstand, das hier nicht in die Länge zu ziehen.«

Rem mustert Sasaki aufmerksam und das nicht nur, um nicht Inouye ansehen zu müssen. Es ist das erste Mal, dass sie Sasaki so angespannt sieht, gleichzeitig scheint sie Mühe zu haben, Rem nicht unverhohlen anzufunkeln.

»Natürlich nicht. Ich würde nie Ihre Zeit verschwenden, Mr. Inouye.« Sasaki neigt höflich den Kopf. »Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie persönlich gekommen sind, um sich der Sache anzunehmen.«

Mr. Inouye runzelt die Stirn. »So? Sind Sie das?«

»Wie könnte ich nicht geschmeichelt davon sein, dass Sie sich so um mich sorgen?«, erwidert Sasaki und sieht Mr. Inouye dabei ohne den Hauch von Nervosität an, als würde sie tatsächlich glauben, dass er ihretwegen hier ist.

»Ich bin hier, weil Ms. Aozora Ihnen Betrug und Veruntreuung vorwirft, Ms. Sasaki?«

Sasakis Augen weiten sich und sie sieht Rem an. Sie hebt eine Hand an den Mund und ihre Augen werden wässrig. »Wieso?«, haucht sie, während sie Rem ansieht, als hätte sie einen schrecklichen Verrat an ihr begangen. Dann richtet sie sich wieder an Mr. Inouye. »Ich habe nichts getan!«, sagt sie, diesmal lauter und mit Verzweiflung in der Stimme. »Ms. Aozora versucht mir etwas anzuhängen. Sie verbreitet Gerüchte über mich und folgt mir sogar, um mich heimlich zu filmen und sie hat jemanden bezahlt, um Daddy zu hacken, nur um mich fertig zu machen!«

»Und all das können Sie beweisen?«, fragt Mr. Inouye, völlig unbeeindruckt von ihrem Auftreten.

Sasaki stockt. »Ich weiß, dass sie es war!«

Mr. Inouye verzieht keine Miene, als hätte er nichts anderes erwartet. »Mit anderen Worten, Sie werfen mit haltlosen Anschuldigungen um sich.«

»Nein!«, ruft Sasaki und spricht dabei über Mr. Inouyes letztes Wort. »Ich weiß, dass sie es war, weil ich ihr Motiv kenne!« Sasaki deutet anklagend auf Rem. »Sie ist in Kohei verliebt und will mich aus dem Weg haben!«

Rem rümpft die Nase. Das klingt nach ihrem eigenen Motiv. Und selbst wenn Rem ein Motiv hätte, um Sasaki zu schaden, hätte sie nie das Geld, um jemanden zu bezahlen, damit er Sakitronics hackt.

Doch zu ihrem Schrecken richtet Mr. Inouye seinen Blick auf Rem. »Ist das wahr?«

»Verzeihung?«, fragt Rem mit heiserer Stimme.

»Sind Sie in Kohei verliebt?«, fragt Mr. Inouye geradeheraus und Rem starrt ihn ungläubig an. Ist Toshiro Inouye tatsächlich so besorgt um seinen Enkel, dass er ihr trotz allem seine Hilfe verwehren wird, wenn er befürchtet, sie hätte es nur auf Inouye abgesehen? In diesem Fall sollte Rem für den Moment lügen, doch daraus ergeben sich gleich mehrere Probleme. Erstens ist sie schlecht im Lügen und wenn Mr. Inouye merkt, dass sie ihn anlügt, würde sie alles nur schlimmer machen. Zweitens, selbst wenn er ihre Lüge glauben würde, würde sie früher oder später auffliegen und Mr. Inouye würde das bisschen Vertrauen verlieren, das sie mit ihm aufgebaut zu haben glaubt.

Rem räuspert sich, als ihr klar wird, dass sie Mr. Inouye nur sprachlos anstarrt. »Wenn Sie nach einem Motiv suchen, aus dem ich Ms. Sasaki schaden wollte, dann würde der Betrug, den sie mir anhängen wollte, doch ausreichen, oder nicht?« Noch nie war Rem so froh, so geübt im Umgang mit unangenehmen Fragen zu sein.

»Hm«, macht Mr. Inouye nur und scheint nicht zufrieden mit ihrer Antwort. Im Gegenteil. Er wirkt enttäuscht, aber während Rem noch hastig überlegt, was sie dagegen unternehmen soll, wendet er sich wieder Sasaki zu. »Ms. Sasaki, ich denke, Sie unterliegen einem Irrtum darüber, was ein Beweis ist.« Mr. Inouye streckt die Hand aus und sein Sekretär, der auf Mr. Inouyes rechter Seite steht, reicht ihm eine Akte. Mr. Inouye öffnet sie, allerdings ohne den Blick von Sasaki zu nehmen. »Offizielle Verträge, die Sie im Namen von Noué geschlossen haben, über Dienstleistungen, die bezahlt wurden, ohne je stattgefunden zu haben. Mehrere Aussagen von Kunden und Mitarbeitern von Noué, die alle erhobenen Anschuldigungen unterstützen.« Mr. Inouye klappt die Akte wieder zu und legt bedeutungsvoll eine Hand darauf. »Das sind Beweise.«

Sasaki starrt die Akte an. Dann schüttelt sie den Kopf. »Das ist nicht wahr. Ich habe nichts davon getan, diese Beweise sind gefälscht!«, sagt Sasaki mit solcher Überzeugung, dass Rem fast beeindruckt ist. Manchmal wäre es praktisch, wenn sie so lügen könnte.

»Sie behaupten, die Beweise sind gefälscht, ohne sie sich anzusehen?«, fragt Mr. Inouye, aber Sasaki lässt sich auch davon nicht beeindrucken. »Ich habe nichts davon getan!«

»Ich habe sie gesehen«, fährt Mr. Inouye ebenso unbeeindruckt fort. »Und ich habe sie gründlich überprüfen lassen. Aber wenn Sie recht haben und Ms. Aozora in der Lage ist, Beweise in diesem Ausmaß zu fälschen, sodass sämtliche meiner Leute, mich eingeschlossen, darauf hereinfallen, dann werde ich ihr sofort mein gesamtes Imperium überschreiben.«

Darauf schweigt Sasaki. Anstatt etwas zu sagen, sieht sie Hilfe suchend zu Inouye, der bisher nur stumm zugehört hat. »Du wärst nicht persönlich gekommen, wenn das alles wäre«, sagt er jetzt mit beherrschter Stimme.

»Das stimmt.« Mr. Inouye verschränkt die Arme vor der Brust und lehnt sich zurück. »Der Grund, aus dem ich hier bin, ist weit schwerwiegender und diesmal habe ich mich selbst um die Untersuchung gekümmert. Es ist also ausgeschlossen, dass - «

Die Tür zum Büro wird aufgestoßen. »Was geht hier vor?!« Der Mann, der hereinkommt, ist derselbe, der Rem im Krankenhaus besucht hat. Inouyes Bruder, Saburo Inouye.

Es ist das zweite Mal, dass Rem ihn sieht, und das zweite Mal, dass er völlig unerwartet und ohne ersichtlichen Grund auftaucht.

»Ich wüsste nicht, was dich das angehen sollte«, sagt Mr. Inouye, aber seine Stimme klingt nun angespannt. »Du stehst in keiner Beziehung zu Noué

»Aber hier geht es um Marika, nicht wahr? Ich dachte mir schon so etwas, als ich dich ins Gebäude habe gehen sehen und Marika hat das bestätigt.« Inouyes Bruder hebt bedeutungsvoll sein Handy, als er sich neben Sasaki vor den Schreibtisch stellt. Dabei sieht er Rem mit misstrauisch geschmälerten Augen an. Er ist etwas kleiner als sein Bruder und seine Haare sind dunkler, aber sie haben dieselben Augen.

Rem beißt sich auf die Lippe, um seinem Blick nicht instinktiv auszuweichen. Inouyes Bruder scheint sie bereits nicht zu mögen, obwohl sie sich überhaupt nicht kennen.

»Wieso überrascht es mich nicht, dass du hier auftauchst, Saburo?« Mr. Inouye seufzt tief. »Und wie gewöhnlich wirst du nicht auf mich hören, wenn ich dir sage, dass das hier nichts mit dir zu tun hat.«

»Natürlich nicht. Und bevor du Marika Betrug und Veruntreuung vorwirfst, musst du mir verraten, weshalb jemand mit Marikas Vermögen, Straftagen begehen sollte, um sich selbst zu bereichern. Das ist einfach lächerlich.« Anders als Sasaki scheint er eine gute Vorstellung zu haben, welche Beweise sich in der Akte befinden.

»Böswilligkeit«, antwortet Mr. Inouye, ohne zu zögern. Er streckt seinen linken Arm zur Seite, um auf Rem zu deuten. »Gegen diese junge Dame gerichtet.«

Rem bekommt einen frostigen Blick von Inouyes Bruder, bevor er sich wieder an seinen Großvater wendet. »Bei allem Respekt, ist es nicht Rem Aozora, die mit ihrer jahrelangen Erfahrung und ihren Beziehungen zu den Kunden von Noué, diese sogenannten Beweise besorgt hat? Um Marika loszuwerden, weil sie sich in meinen Bruder verliebt hat?«

Rem ballt die Fäuste. Sie hat nicht erwartet, dass dieses Gespräch so unangenehm für sie wird. Aber es ist wohl eine gute Vorbereitung auf die Gerichtsverhandlung.

»Saburo.« Mr. Inouyes Stimme ist schwer und er stützt sich mit den Ellbogen auf dem Schreibtisch auf, während er sich bedeutungsvoll vorlehnt. »Ich habe dir in den letzten Jahren viel durchgehen lassen, was das Sasaki-Mädchen angeht. Aber dieses Mal wirst du die vollen Konsequenzen tragen, solltest du trotz meiner Warnung entscheiden, sie erneut zu beschützen. Hast du mich verstanden?«

»Du weißt, dass ich immer auf Marikas Seite stehe.«

Rem ist überrascht, dass er keine Sekunde zögert oder auch nur verunsichert erscheint und Sasaki löst sich von Inouye, um stattdessen die Hand seines Bruders zu nehmen. »Saburo…«, haucht sie mit gefühlvoller Stimme, woraufhin er den Blick senkt, um sie anzusehen. Seine Miene wird sichtlich weicher und er lächelt.

»Selbst wenn das bedeutet, dass du dich der Beihilfe einer Straftat schuldig machst?«, fragt Mr. Inouye, ungerührt von der Szene vor sich.

Inouyes Bruder richtet seinen Blick wieder auf Mr. Inouye. »Ich habe keine Angst vor einer mickrigen Anzeige wegen Betrugs oder Veruntreuung, die du mit aller Macht durchgedrückt hast.«

»Und wie sieht es mit Mord aus?«

Rem erstarrt und richtet ihren Blick auf Mr. Inouye. Denn sie weiß sofort, was er meint.

Nach dem Unfall, als Rem noch im Krankenhaus war, hat sie mitbekommen, wie der Bauleiter lauthals bestritten hat, dem Kranführer irgendwelche Anweisungen gegeben zu haben. Aber nach dem Besuch von einem Anzugträger ist er ruhig geworden und seine Geschichte hat sich geändert. Rem hat ihre Beobachtung Mr. Inouye gegenüber erwähnt, weil er sie gefragt hat, ob ihr etwas Merkwürdiges aufgefallen ist und sein Schweigen nach ihrer Antwort, hat sie nachdenklich gemacht. Aber darüber nachzudenken und es in Erwägung zu ziehen ist etwas anderes, als es bestätigt zu wissen.

»Was soll das heißen?!« Es ist Inouyes Stimme, aber Rems Blick ist weiter auf Mr. Inouye gerichtet. Der steht auf. »Ms. Aozora«, sagt er und seine Stimme klingt plötzlich weich. »Wieso setzen Sie sich nicht?«

Rem blinzelt. »Mich setzen?«

Mr. Inouye lächelt. »Ich bin noch nicht so alt, dass mir meine Beine den Dienst versagen und Sie haben sich noch nicht von ihren Verletzungen erholt.« Er legt ihr eine Hand auf die Schulter und drängt sie sanft, sich zu setzen.

»Was meinst du mit Mord?!«, fragt Inouye erneut und Rem, die sich auf Hansawas Stuhl, umringt von stehenden Leuten, plötzlich sehr klein vorkommt, hebt den Kopf, um Inouye anzusehen.

Trotz seiner Frage ist sein Blick auf Sasaki gerichtet und in seinem Blick steht solche Abscheu, dass Rem erschaudert, obwohl der Blick nicht ihr gilt.

»K-Kohei…«, stammelt Sasaki mit schwächlicher Stimme und Inouyes Bruder tauscht mit ihr den Platz, sodass er zwischen ihr und seinem Bruder steht.

»Sagt Ihnen der Name Yurogo Furusawa etwas, Ms. Sasaki?«, fragt Mr. Inouye, der jetzt auf Rems linker Seite steht, so wie sie zuvor.

»Wer?«, fragt Sasaki und sieht Mr. Inouye ängstlich an, als wäre sie von der Situation völlig überfordert.

»Yurogo Furusawa«, wiederholt Mr. Inouye. »Er saß wegen Betrugs in Untersuchungshaft, bis Ms. Aozora ihm ein bestimmtes Video gezeigt hat und er plötzlich auf Kaution freigelassen wurde. Wenn man das Video kennt und weiß, wie unwahrscheinlich es in unserem Land ist, auf Kaution freigelassen zu werden, dann ist es nicht schwer zu erraten, wer ihm diesen Gefallen getan hat.«

»Was willst du andeuten, Großvater?«, fragt Inouyes Bruder scharf, einen Arm schützend um Sasaki gelegt.

»Ich will sagen, dass Mr. Furusawa Ms. Sasaki darüber in Kenntnis gesetzt hat, dass Ms. Aozora dabei war, Beweise und Zeugen für eine Anklage gegen sie zu sammeln. Er hat es mir persönlich gesagt, nachdem meine Leute ihn davor bewahrt haben, in einen schwarzen Van gezogen zu werden. Und als Ms. Aozora die Baustelle von Sakitronics besichtigt hat, ergab sich eine günstige Gelegenheit für Ms. Sasaki, um Ms. Aozora davon abzuhalten, weiter gegen sie zu ermitteln. Schließlich passieren auf Baustellen dann und wann Unfälle, nicht wahr, Ms. Sasaki?«

»Das ist doch Unsinn!« Es ist Saburo Inouye, der Mr. Inouye widerspricht, während Sasaki sich an ihn klammert.

»Würde ich Witze darüber machen?!« Mr. Inouye hebt die Stimme und Rem wirft ihm einen Blick zu, um zu sehen, wie seine goldenen Augen drohend funkeln. »Das Mädchen, das du gerade im Arm hältst und so verzweifelt beschützt, hat versucht eine Frau zu ermorden. Bist du sicher, dass sie deinen Schutz auch verdient?!«

»Das ist nicht wahr!«, ruft nun Sasaki mit schriller Stimme. Tränen laufen ihr aus den Augen und sie klammert sich fester an Inouyes Bruder.

Rem senkt den Blick. Sie hat ihre linke Hand im Schoß zu einer Faust geballt und ihr rechter Arm schmerzt von der Anspannung. Es ist eigenartig, aber sie würde Sasaki gern glauben. So sehr, dass sie den Drang verspürt, Mr. Inouye zu bitten, es gut sein zu lassen. Sasaki hat sie von Anfang an nicht gemocht, das hat Rem bemerkt und dieses Gefühl beruht auf Gegenseitigkeit. Es gibt einige Leute, die Rem nicht mögen. Aber niemand würde sie deswegen ermorden. Sasaki kann sie nicht so sehr hassen.

»Aber Sie waren es doch, die dem Kranführer die falsche Anweisung des Bauleiters überbracht hat«, sagt Mr. Inouye. »Auch wenn beide Männer kurz nachdem Unfall angewiesen wurden, Ihre Verwicklung geheimzuhalten. Sie wusste nicht, dass es nie eine Anweisung von irgendwem gab und es Ihnen genau darum ging, jemanden zu verletzen.«

»Nein!«, ertönt Sasakis schrille Stimme erneut und Rems Augen huschen zu ihr. Aber Sasaki beachtet sie nicht. Ihr Blick ist flehend auf Inouyes Bruder gerichtet.

»Ich weiß nicht, was das soll, Großvater«, sagt Inouyes Bruder schließlich mit angespannter Stimme. »Marika kann all das nicht getan haben. Sie war die ganze Zeit bei mir.«

Rem starrt ihn an. Sie kennt ihn so gut wie gar nicht, aber Mr. Inouye würde keine so gewaltige Anschuldigung erheben, wenn er sich nicht sicher wäre. Und auch so hätte Rem erraten, dass Inouyes Bruder lügt. Von seiner angespannten Haltung, über seinen bebenden Blick, bis hin zu seiner Reaktion an sich. Wenn er glauben würde, dass Sasaki unschuldig ist, wäre er wütend darüber, dass sein Großvater ihr etwas anhängen will. Aber sie sieht keine Wut in seinen Augen.

»Du lügst!«, knurrt eine heisere Stimme und Rem erkennt sie fast nicht wieder. Ihre Augen zucken zu Inouye, der schon seit einer Weile verdächtig still gewesen ist. Jetzt funkelt er seinen Bruder an und Rem bleibt der Atem im Hals stecken. Sein Blick ist so hasserfüllt, dass es sie erschreckt.

»Kohei!«, sagt Inouyes Bruder in drohendem Tonfall.

»Wir haben telefoniert, als es passiert ist«, fährt Inouye ungerührt fort. »Du telefonierst nie, wenn du bei Marika bist. Schon gar nicht mit mir.«

»Dieses Mal schon. Sie war bei mir!«, beharrt Inouyes Bruder mit angespannter Stimme.

»Kohei…«, wispert Sasaki schwächlich, aber Rem hält ihren Blick auf Inouyes Bruder. Sie fragt sich, wie viel Sasaki ihm bedeuten muss, dass er bereit ist, ihr einen versuchten Mord durchgehen zu lassen.

»Ich bin enttäuscht, Saburo.« Mr. Inouyes Stimme ist laut, verglichen mit Sasakis, und Inouyes Bruder zuckt sichtbar zusammen. »Aber wenn das deine Entscheidung ist, schlage ich vor, dass du Ms. Sasaki jetzt nach Hause bringst. Und ich denke nicht, dass ich erwähnen muss, dass sie keine Angestellte von Noué mehr ist. Keins meiner Unternehmen beschäftigt Mörder.«

Inouyes Bruder funkelt Mr. Inouye an, aber sagt nichts. Stattdessen legt er Sasaki seinen Arm um die Schulter und führt sie aus dem Büro.

»Wenn es Ihnen nichts ausmachen würde«, sagt Mr. Inouye, als die Tür zum Büro wieder geschlossen ist, und seine Stimme klingt um einiges kraftloser als zuvor. »Ich würde gerne ein paar Worte mit Ms. Aozora unter vier Augen wechseln.«

Rem sieht sich blinzelnd um, als sie erst jetzt wieder an die Anwesenheit von Hansawa, Mr. Nakazawa und Mr. Tokuma erinnert wird, und die drei verlassen sofort das Büro. Nur Inouye rührt sich nicht. Allerdings sieht es nicht so aus, als wollte er bei ihrem Gespräch mit seinem Großvater dabei sein. Es wirkt eher so, als hätte er nicht gehört, was Mr. Inouye gesagt hat.

»Kohei!« Mr. Inouye hebt die Stimme etwas und Inouye blinzelt. Er sieht seinen Großvater an, dann huscht sein Blick zu Rem.

Sie hat gehofft, dass sie aus seinem Gesicht lesen könnte, was er denkt, aber er sieht so schnell wieder weg, dass sie sich nicht einmal sicher ist, ob er wirklich sie angesehen hat oder nicht doch die Akte, die vor ihr auf dem Tisch liegt. Er wendet sich ab und verlässt ebenfalls das Büro.

»Ms. Aozora.«

Rem, die die Tür anstarrt, zuckt zusammen und sieht zu Mr. Inouye auf.

Er sieht mit gerunzelter Stirn auf sie herab und es dauert einen Moment, ehe er zu sprechen beginnt. Es ist eigenartig, denn wenn Rem es nicht besser wissen würde, würde sie glauben, er wüsste nicht, wie er anfangen soll.

»Ich denke, es ist momentan taktlos zu fragen, wie es Ihnen geht, daher erlauben Sie mir stattdessen, mich zu entschuldigen.« Er räuspert sich und verschränkt die Hände hinter dem Rücken. »Ich hätte Sie vorwarnen sollen, anstatt Sie diesem Schock vor all diesen Leuten auszusetzen.«

Rem braucht einen Moment, um zu verstehen, was er zu ihr sagt. Und dann denkt sie darüber nach, wie geschockt sie war. Aber sie schüttelt den Kopf. Sie wäre geschockt gewesen, egal auf welche Weise sie es erfahren hätte.

»Und das ist nicht das einzige, für das ich mich entschuldigen muss«, sagt Mr. Inouye, bevor Rem ihm widersprechen kann. »Ich dachte, ich hätte alles Nötige, um sogar Ms. Sasaki keine Möglichkeit zu geben, sich aus der Sache herauszureden, aber leider hat mein eigener, hohlköpfiger Enkel ihr eine Möglichkeit gegeben.« Mr. Inouye stößt ein abfälliges Zischen aus. »Ich hätte nicht gedacht, dass er bereit ist, einen Mord für sie zu decken.«

Rem zuckt bei seinen Worten zusammen. Zuerst will sie weiter still bleiben, aber als sie merkt, dass Mr. Inouye sie besorgt ansieht, räuspert sie sich. »Sind Sie sich sicher…, ich meine, ist es möglich, dass Ms. Sasaki nicht wirklich vorhatte…« Sie bricht ab, als Mr. Inouye die Stirn in Falten legt. »Ich will nicht sagen, dass ich Ihnen nicht glaube«, sagt Rem hastig und hebt ihre linke Hand. »Es ist nur so, dass ich…«

»Dass Sie lieber nicht glauben wollen, dass es jemand auf Ihr Leben abgesehen hat«, vollendet Mr. Inouye den Satz für sie. Er nickt langsam und seine Stimme klingt ruhig. »Das verstehe ich sehr gut und wenn Sie es wünschen, werde ich einen Personenschutz für Sie beauftragen.«

Rem erstarrt. Das hat sie nicht damit sagen wollen. »Oh, das ist nett, aber ich komme schon zurecht«, sagt sie, ohne sein Angebot überhaupt in Erwägung zu ziehen.

»Wie Sie wünschen.« Mr. Inouye nimmt den Blick von ihr und sieht zur Tür, sodass Rem schon glaubt, er würde sich nun verabschieden. Aber er bleibt, wo er ist.

»Ich nehme an, Sie haben es schon erraten«, sagt er dann, ohne den Blick von der Tür zu nehmen. »Ich weiß nicht, wie diese Schlange es geschafft hat, einen intelligenten Kopf wie den von Saburo derart zu verdrehen, aber er tut alles, um sie zu beschützen. Auch das ist meine Schuld. Ich hätte mehr für ihn da sein müssen. Für sie beide.«

Rem schluckt. Eine Frage brennt ihr auf der Zunge, bei der sie sich jedoch nicht sicher ist, ob sie die Antwort hören will. Aber als Mr. Inouye nicht weiterspricht, öffnet sie schließlich den Mund. »Wenn Sie ‚für sie beide‘ sagen, meinen Sie…?«

»Auch Kohei, ja.« Mr. Inouye nickt. »Ob Sie es glauben oder nicht, Saburo und Kohei kamen früher gut miteinander aus. Zwei Jungen, deren Eltern nie Zeit für sie hatten, hatten wenigstens einander. Bis diese Schlange aufgetaucht ist.« Mr. Inouye fährt sich mit der Hand übers Gesicht. »Wenn ich es gewusst hätte, hätte ich sie einander nie kennenlernen lassen...ich hätte ihnen beibringen sollen, wie sie Konflikte miteinander lösen...aber Hoizu ist genauso schuld…«

»Mr. Inouye«, sagt Rem, um sein Gemurmel zu unterbrechen. »Glauben Sie, dass Inouye auch versuchen wird, Ms. Sasaki zu beschützen?«

Mr. Inouye richtet seinen Blick auf sie und denkt einen Moment nach.

»Um ganz ehrlich zu sein, ich weiß es nicht.« Mr. Inouye reibt sich das Kinn und sieht wieder zur Tür. »Saburo ist ein ehrlicher, gradlinig denkender Mensch und wenn er etwas tut, tut er es mit Überzeugung und Einsatz. Aber Kohei ist anders. Ich weiß nicht, wann es angefangen hat, aber an einem Punkt hat er aufgehört, preiszugeben, was er denkt und will. Wahrscheinlich tut er das, um zu verhindern, dass ihm jemand in die Quere kommt, aber das macht es schwer zu sagen, auf welcher Seite er steht. In diesem Fall würde ich aber wagen zu behaupten, dass er auf Ihrer Seite steht, Ms. Aozora. Es ist lange her, dass ich ihn so wütend gesehen habe.«

Rem nickt langsam, sieht dabei jedoch auf ihren Schoß hinab. Inouye sah wütend aus und er war so besorgt, als sie im Krankenhaus war. Selbst wenn Sasaki dafür verantwortlich ist, würde er all das nicht verschleiern, nur um sie zu beschützen. Immerhin bedeutet Rem ihm auch etwas.

Sie beißt sich auf die Lippe. Dann sieht sie zu Mr. Inouye hinauf. »Gibt es noch etwas, dass Sie mir sagen wollen?«

Er blinzelt. »Nur, wenn Sie Fragen an mich haben. Ich habe alle hinausgeschickt, um Ihnen einen Moment zu geben, das Gehörte zu verdauen.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen, aber wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich gerne mit Inouye sprechen.«

»Natürlich. Gehen Sie nur.«

Rem steht erleichtert auf. »Vielen Dank, Mr. Inouye. Für alles.«

Mr. Inouye lacht etwas bitter. »Ich glaube nicht, dass ich unter den Umständen so viel Dank verdiene, aber ich tue mein Bestes, um dem gerecht zu werden.« Er neigt höflich den Kopf.

Da Rem nichts dazu einfällt, verbeugt sie sich und eilt dann aus dem Büro.

Hansawa steht mit Mr. Tokuma vor der Tür und sieht sehr erleichtert aus, Rem zu sehen. Er öffnet den Mund, aber Rem kommt ihm zu vor. »Wo ist Mr. Inouye?«

Hansawa blinzelt. »Verzeihung? Welcher denn?«

Rem verdreht die Augen, da sie Toshiro Inouye gerade erst verlassen hat und Saburo Inouyes Aufenthalt ihr herzlich egal ist. »Der, der hier arbeitet«, antwortet sie deshalb leicht gereizt.

»Er ist gegangen«, sagt Hansawa. »Er hat nicht gesagt, wohin, aber ich glaube nicht, dass er heute wiederkommt.«

Rem legt die Stirn in Falten. »Okay, danke«, murmelt sie, bevor sie auf die Tür zum Flur zuhastet. Sie weiß noch nicht, was sie als Nächstes tun möchte oder wie sie mit der Neuigkeit über den ‚Unfall‘ und Sasaki umgehen soll. Aber sie hat das starke Verlangen mit Inouye zu reden, bevor sie eine Entscheidung trifft.

Schon im Flur wählt sie seine Nummer und hält sich ihr Handy ans Ohr. Da sie persönlich mit ihm reden will, macht sie sich auf den Weg ins Parkhaus, in der Hoffnung, dass er noch dort ist.

Aber nachdem es ein paar Mal geklingelt hat, geht die Mailbox ran. Möglicherweise ist er schon losgefahren, aber Rem weiß, dass Inouye sein Handy mit dem Auto verbindet oder ein Headset trägt, wenn er fährt, damit er Anrufe annehmen kann.

Trotzdem versucht sie es ein zweites Mal. Und ein drittes Mal. Aber er nimmt nicht ab.

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