Ich habe noch nie versucht, Telekinese unter Wasser zu benutzen, aber nachdem ich eine Weile mit meiner Aura herumprobiert habe, klappt es ganz gut. Es ist trotzdem schwer, auf diese Weise Fische zu fangen, aber mithilfe von Jake und Dalton, die im Wasser Schilde erschaffen, um die Fische einzukesseln, gelingt es uns schließlich, acht Fische aus dem Fluss zu holen.
Es ist nicht viel, aber es sollte für ein Abendessen reichen und es ist besser, als sich in den Fluss zu stellen und die einzigen Kleider, die wir haben, zu durchnässen. Zumal ich nicht glaube, dass wir so mehr Erfolg gehabt hätten.
»Wir sollten die Fische aufspießen, damit wir sie übers Feuer halten können. Und ist jemandem etwas eingefallen, wie wir etwas Wasser mitnehmen können?« Ich sehe zwischen Dalton und Jake hin und her.
Dalton sieht auf unseren Fang hinab, während Jake die Ärmel seines Hemds schüttelt, die doch etwas nass geworden sind.
»Wir könnten versuchen, etwas zu bauen«, schlägt Dalton vor. »Holz gibt es ja genug.«
»Willst du einen Baum fällen?«, fragt Jake und schüttelt den Kopf. »Ich weiß ja nicht, was du dir vorstellst, aber ich glaube nicht, dass ich etwas bauen kann, dass zweckdienlich und dicht ist.«
Leider muss ich Jake zustimmen. Selbst wenn wir die richtigen Materialien hätten, wüsste ich nicht, wie man einen Eimer baut oder einen Becher schnitzt, von etwas Verschließbarem ganz zu schweigen.
»Das Beste, das mir einfällt, ist Trichter aus Blättern zu falten, aber das hält nicht lang.« Jake zuckt mit den Schultern. »Wie wärs, wenn wir das einfach gut sein lassen. Solange wir in der Nähe des Flusses bleiben, kann jeder direkt von dort trinken.«
Ich nicke zustimmend. Der Weg von der Lichtung zum Fluss ist nicht so weit, sodass auch die Heilige ihn weitgehend problemlos zurücklegen können sollte. »Vielleicht fällt uns ja später noch etwas ein.«
»Dann brauchen wir jetzt nur noch ein paar Stöcke für die Fische?«, fragt Dalton, aber bevor ich darauf antworten kann, ertönt ein Schnauben.
Eden, der sich etwas von uns entfernt auf einen Felsen gesetzt und uns beim Fischen zugesehen hat, verschränkt die Arme vor der Brust. »Eine wunderbare Idee, um es noch unappetitlicher zu machen, als es ohnehin schon ist. Ich werde das ganz bestimmt nicht essen und Lorelai auch nicht, nur damit ihr es wisst.«
Er hat nicht unrecht, aber wir können die Fische schlecht mit den Händen übers Feuer halten.
»Sehr gut, dann haben wir zwei Fische übrig, für die, die einen Nachschlag wollen«, antwortet Jake und verschränkt mit einem Grinsen in Edens Richtung die Hände hinterm Kopf.
»Aber Ihre Heiligkeit muss doch etwas essen«, sagt Dalton sofort und sieht zu mir.
Ich nicke. »Sie hat sich sehr verausgabt. Auch wenn es nicht ihren Standards entspricht, braucht sie Energie.« Ich weiß nicht, wie pingelig sie ist, wenn es ums Essen geht, aber da sie sich auf dem Weg her nicht einmal beschwert hat, obwohl sie offensichtliche Probleme hatte, Schritt zu halten, denke ich nicht, dass sie sich jetzt beschweren wird.
»Darum geht es nicht«, kommt es erneut von Eden. »Als Auserwählte Gottes ist es ihr nicht erlaubt, andere Lebewesen zu essen.«
Ich halte inne. Das ist etwas anderes. Wenn ihre Gründe den Fisch abzulehnen religiöser Natur sind, ist es unwahrscheinlich, dass sie etwas isst, wenn wir nichts anderes bringen. »Dalton, Jake. Ihr kümmert euch um die Fische und ich suche etwas zu essen für die Heilige.«
Dalton nickt sofort, während Jake zögert. Aber ich warte nicht darauf, um herauszufinden, ob er Einwände gegen mein Vorhaben hat. Ich weiß selbst, wie unwahrscheinlich es ist, etwas anderes als Fische zum Essen zu finden. Die Pflanzen hier sind etwas grüner als in Libera, aber es ist trotzdem gerade mal Frühling.
Ich beschließe, den Fluss entlangzugehen, wo ich jedoch nur Gräser und Pflanzen finde, die mir nicht essbar erscheinen. Aber dann fällt mir etwas Rotes am Waldrand ins Auge. Es ist ein Busch, der zwar keine Blätter, dafür aber viele kleine rote Beeren an seinen Ästen hat.
Ich gehe davor in die Knie und mustere ihn nachdenklich. Er sieht ein bisschen ominös aus, aber an einigen Ästen fehlen Beeren, als hätte ein Tier davon gegessen. Ich pflücke eine Beere und betrachte sie einen Moment lang. Dann stecke ich sie mir in den Mund. Es gibt nicht wirklich eine andere Möglichkeit, um sicher zu sein, auch wenn ich nicht sagen kann, dass ich etwas aus dem Geschmack der Beere lerne, außer dass sie sauer ist. Aber es ist das mindeste, was ich tun kann, wenn ich Ihrer Heiligkeit diese Beeren als Abendessen servieren will. Eine Handvoll Beeren erscheint mir zwar sehr wenig für ein Abendessen, aber es ist besser als nichts. Also ziehe ich ein Taschentuch hervor und beginne die Beeren zu pflücken.
Während ich das tue, denke ich über Alternativen nach, da wir auch in den nächsten Tagen essen müssen und die Heilige kann nicht von Waldbeeren leben. Ihr Körper ist auch so schon schwach. Aber ich weiß so gut wie gar nichts darüber, wie man sich in der Wildnis ernährt, schon gar nicht in Sotton. Damit ist es unsere beste Chance, so schnell wie möglich ins nächste Dorf zu gelangen.
Ich kehre mit den Beeren zurück und sehe, dass Jake und Dalton ihre Aufgabe ebenfalls erfüllt haben.
»Hast du etwas gefunden?«, fragt Jake und beäugt neugierig das Taschentuch in meiner Hand.
»Ein paar Waldbeeren«, antworte ich und sehe ebenfalls auf das Taschentuch hinab. Es ist wirklich nicht viel.
»Zeig mal her.« Eden taucht neben mir auf und nimmt mir ohne Umschweife das Taschentuch aus der Hand. »Hm, nichts Besonderes, aber besser als gar nichts.« Und damit dreht er sich auch schon um und geht in den Wald. Mit dem Taschentuch.
Ich werfe Dalton und Jake einen Blick zu, die Eden hinterher sehen. Dalton macht ein verärgertes Gesicht, während Jake mit einem Schnauben den Kopf schüttelt.
»Lasst uns gehen«, sage ich und mache eine Kopfbewegung in Edens Richtung. »Stella und Hilena sind bestimmt auch schon zurück.«
Ich habe recht, denn als wir zu der Lichtung zurückkehren, sind Stella und Hilena schon dort. Annie sitzt noch bei der Heiligen, aber sie springt auf, als sie mich sieht. »Mika!«
Ich bleibe überrascht stehen, als sie mir entgegenrennt. »Sei vorsichtig, Annie, was, wenn du – uwah!« Ich habe bereits nach meiner Aura gegriffen, um Annie, wenn nötig, aufzufangen. Was ich jedoch nicht erwartet habe, ist, dass sie mich ebenfalls umreißt. Ich halte sie fest und sorge dafür, dass der Aufprall nicht zu heftig ist, als wir zu Boden gehen. Dann mustere ich sie prüfend. »Geht es dir gut? Seit wann bist du so stark?«
Annie kichert vergnügt. »Seit Ihre Heiligkeit mich geheilt hat!«
Ich starre Annie an. Die Heilige hat sie geheilt? Mein Blick zuckt zu Ihrer Heiligkeit, die noch immer vor dem Felsen sitzt. Sie trägt ihren Schleier, sodass ich ihr Gesicht nicht sehen kann.
»Ich habe sie nicht geheilt, ich habe ihr nur meinen Segen gegeben«, sagt sie mit ruhiger, klarer Stimme, als würde sie ein unbedeutendes Detail hervorheben.
»Nur?«, wiederhole ich mit tonloser Stimme. Ein Segen ist eine gewaltige Ehre, die die Heiligen nur an einige Auserwählte, die eine besondere Tat vollbracht haben, im Rahmen einer Zeremonie zuteilwerden lässt. Und sie hat Annie dieses Privileg mal eben so gewährt, während wir Fische fangen und Beeren sammeln waren?
»Annie, lass mich dich untersuchen.« Hilena kommt auf uns zu und nimmt Annies Hand, aber ich sehe weiter die Heilige an.
Da ist schon wieder dieses befremdliche Gefühl, dass ich bereits hatte, als wir plötzlich in diesen Wald teleportiert wurden. In diesem Moment, der so ausweglos erschien, weil ich wusste, dass ich niemals etwas gegen fünf Bergtrolle ausrichten könnte, selbst wenn ich meine Aura bis auf den letzten Tropfen aus mir herauspressen würde. In diesem Moment, der für uns alle den Tod bedeutet hätte, hatte Ihre Heiligkeit einen Ausdruck auf dem Gesicht, als wäre all das höchstens eine vorübergehende Bedeutungslosigkeit. Es hat mir vor Augen geführt, wie unterschiedlich ihr Verständnis von Macht von meinem ist und wie sehr wir für die Dauer dieser Reise auf sie angewiesen sind.
»Unglaublich.« Hilenas Stimme reißt mich aus meinen Gedanken und ich sehe zu ihr.
»Dein Körper ist völlig gesund, mehr als gesund. Er ist vergleichbar mit einer Aura-Trägerin in deinem Alter.«
Ich lege die Stirn in Falten. Es überrascht mich nicht, dass der Segen der Heiligen beeindruckend ist, aber wenn es so einfach für sie war, verstehe ich nicht, wieso sie Annie vor Jahren für unheilbar erklärt hat. Aus diesem Grund haben wir alle Hoffnung auf Heilung für sie aufgegeben.
»Ich kann das Mana natürlich nicht spüren, aber durch Euren Segen ist Annie nicht mehr auf einen Heiler angewiesen, der sie mit Mana versorgt, ist es nicht so?« Hilena scheint ganz aufgeregt zu sein, während sie zur Heiligen sieht.
Ihre Heiligkeit nickt.
»Wie üblich bist du zu sanftmütig, Lorelai!«, sagt Eden plötzlich mit lauter Stimme und er geht auf sie zu, um sich vor sie zu stellen. »Du solltest dich ausruhen! Es ist lieb, dass du der kleinen Annabella geholfen hast, aber was, wenn du jetzt zu erschöpft bist, um die Barriere aufrechtzuerhalten?« Sein Tonfall ist belehrend, als wäre sie ein Kind.
Ich fühle mich unwohl dabei, ihm zuzuhören. Es ist, als wäre ihm nicht bewusst, dass unser aller Leben in ihren Händen liegt. Ich stehe auf.
»Darum müsst Ihr Euch keine Sorgen machen. Ich habe noch genug Mana übrig«, erwidert die Heilige unbekümmert, als wollte sie meine Sorgen unterstreichen. Sie erhält eine riesige Barriere aufrecht, die Monster von der Stärke von Bergtrollen abhalten kann und zusätzlich verdeckt sie unsere Präsenzen. Etwas, das sie offenbar ununterbrochen getan hat, seit wir hier sind. Dabei hat sie bereits eine gewaltige Menge Mana verbraucht, um die Bergtrolle zu besiegen und mich zu heilen. Und trotzdem hat sie noch mehr als genug für einen Segen übrig?
»Aber ich verstehe das nicht«, sage ich und lege die Stirn in Falten. Die Diskrepanz zwischen ihrem körperlichen Zustand und ihrer Macht als Magierin verwirrt mich. »Ihr sagtet doch, dass Ihr nichts für Annie tun könnt.«
Die Heilige legt den Kopf schief, als wäre sie verwirrt. »Wann habe ich das gesagt?«
»In dem Brief, den Ihr uns geschrieben habt, nachdem wir Euch um Hilfe gebeten haben.«
»Ihr habt mir einen Brief geschrieben?« Sie klingt nun auch verwirrt.
»Ja, es ist schon ein paar Jahre her. Erinnert Ihr Euch nicht?«, frage ich und weiß nicht, was ich davon halten soll, dass sie es tatsächlich vergessen zu haben scheint. Auch wenn ein paar Jahre vergangen sind, Annies Krankheit ist zu außergewöhnlich, um sie zu vergessen.
»Ich habe nie einen Brief von Euch erhalten.« Die Heilige erhebt sich und ihre Stimme klingt entschlossen, als hätte sie keinen Zweifel daran.
Ich starre sie ungläubig an. »Aber das kann nicht sein. Wir haben einen Brief von Euch erhalten.«
Während ich spreche, kommt die Heilige auf mich zu und hält mir ihre Hand hin. »Hat der Brief dieses Siegel getragen?«
Ich beuge mich über ihre schmale, blasse Hand und nehme den großen Siegelring an ihrem Zeigefinger in Augenschein. Darauf ist das Wappen der Heiligen eingraviert, das ich jedoch zum ersten Mal als Siegel sehe. »Nein.«
»Dann war er nicht von mir.«
Ich hebe abrupt den Blick, um sie anzusehen. »Wollt Ihr damit sagen, dass jemand Briefe in Eurem Namen verschickt?« Das wäre ein großes Verbrechen und eines, das darauf abzielt meiner Familie zu schaden.
Die Heilige sieht mich einen Moment lang wortlos an und ich wünschte, ich könnte durch den Schleier sehen. Aber dann neigt sie den Kopf. »Da ich nichts darüber weiß, kann ich es nicht sagen. Aber ich hoffe, der Segen, den ich Lady Annabella gegeben habe, hilft Euch, darüber hinwegzusehen.« Ihre Stimme klingt weicher als zuvor, dabei muss sie aufgebracht über die Eröffnung sein, dass jemand Briefe in ihrem Namen verschickt. Trotzdem entschuldigt sie sich bei mir, als träge sie Schuld daran.
Ich will sie nicht anzweifeln, nachdem sie Annie geheilt hat, aber ich werde es im Hinterkopf behalten. Sobald wir in Libera sind, werde ich die Sache untersuchen lassen.
»Es liegt mir fern, Euch etwas vorzuwerfen und natürlich bin ich Euch dankbar für den Segen«, sage ich, da mir keine andere Wahl bleibt, und verneige mich.
Die Heilige sieht mich an, aber während ich noch überlege, was ihr durch den Kopf geht, sagt sie plötzlich: »Wie ich sehe, habt Ihr etwas zu essen gefunden.«
Etwas irritiert folge ich ihrem Blick. »Oh, ja, wir haben leider keine Möglichkeit gefunden, Wasser zu transportieren, aber - «
»Hier, Lorelai.« Eden tritt neben Ihre Heiligkeit, mein Taschentuch mit den Beeren in der Hand. »Da du keinen Fisch essen kannst, habe ich etwas anderes für dich gefunden.«
Die Heilige sieht auf seine Hand hinab. Dann hebt sie den Blick und sieht wieder mich an. »Vielen Dank, my Lord. Ich hoffe, es hat Euch keine zu großen Umstände gemacht.«
Ich sehe sie überrascht an.
»W-Wieso bedankst du dich bei ihm?!«, empört sich Eden und die Heilige wirft ihm einen Blick zu. »Es ist sein Taschentuch«, sagt sie leichthin und Eden zieht den Kopf ein.
Ihre Heiligkeit sieht wieder zu mir und diesmal habe ich das Gefühl, dass sie mich eingehend mustert. Es erinnert mich daran, dass ich nicht unbedingt vorzeigbar aussehe, mit feuchter und mit Erde befleckter Kleidung.
Etwas unwohl sage ich das Erste, das mir in den Sinn kommt. »Ich muss allerdings zugeben, dass ich mich mit Waldbeeren nicht auskenne. Ich kann nicht einmal garantieren, dass sie nicht giftig sind.«
Sie sieht mich an und sagt nichts, und ich frage mich, ob ich sie beleidigt habe. Natürlich musste ich ihr sagen, dass ich nicht weiß, was für Beeren es sind, aber vielleicht beleidigt sie der Gedanke, dass ich ihr etwas Giftiges zu essen besorgt haben könnte.
Aber dann nimmt sie plötzlich eine der Beeren und ihre Hand verschwindet unter ihrem Schleier, als sie sich die Beere offenbar in den Mund steckt.
»Eure Heiligkeit!«, entfährt es mir, da es nicht die Reaktion ist, die ich erwartet habe.
Ein Kichern ertönt. Das sanfte, glockenhelle Geräusch hat einen angenehmen Klang und ich frage mich, was für ein Gesicht sie gerade macht. »Dieser Titel scheint nicht sehr angebracht für jemanden, der nicht einmal in der Lage ist, das Gift einer Waldbeere zu heilen, my Lord.«
Ich lege die Stirn in Falten und senke den Blick, während Hitze in meine Wangen steigt. Sie lacht, weil ich etwas Dummes gesagt habe. »Oh.« Ich balle die Fäuste. »Verzeiht mir.« Aber wie kann ich es nicht durcheinander bringen, wenn sie manchmal überwältigend stark und manchmal zerbrechlich schwach wirkt?
Der Fisch schmeckt fad und nicht im Ansatz wie der, den ich gewohnt bin. Nachdem ich die Schuppen abgeschabt habe, ist das Fleisch darunter gerade so genießbar und ich frage mich, ob es möglich wäre, etwas zum Würzen zu finden.
Ich werfe Annie einen Blick zu, die neben mir an ihrem Fisch herumzupft. Ihr Gesichtsausdruck sagt mir, dass es ihr auch nicht schmeckt, aber sie isst, ohne sich zu beschweren. »Es schmeckt schrecklich, oder?«, frage ich mit einem Lächeln.
Annie hält inne und sieht mich an. »Ja, aber es ist besser als gar nichts. Und weil du den Fisch gefangen hast, werde ich ihn essen.« Sie strahlt mich an und eine Welle von Stolz steigt in mir auf. Annie hat ihr Leben auf dem luxuriösen Anwesen unserer Familie verbracht und trotzdem ist sie sich nicht zu fein, einen schlecht gebackenen, ungewürzten Fisch zu essen. Und das nur, weil ihr Bruder ihn gefangen hat. Die wenigsten Adligen würden das und Annie ist fast noch ein Kind.
»Denkst du, ich würde einen rohen Fisch auf einem Stock aufspießen und ihn übers Feuer halten, um ihn zu essen? Wie ein Wilder?«, höre ich plötzlich Eden sagen, als wollte er meinen Gedanken unter Beweis stellen.
Annie wirft ihm einen missbilligenden Blick zu. »So kindisch«, murmelt sie.
»Ja, Ihre Heiligkeit tut mir leid«, murmelt Stella, die auf meiner anderen Seite sitzt, während sie zu der Heiligen und Eden sieht.
Da die Heilige wieder ihren Schleier trägt, weiß ich nicht, was sie von Edens Verhalten hält. Sie erlaubt ihm jedenfalls, die Beeren zu essen, die ich gepflückt habe. Aber ich habe auch nicht vergessen, wie sich Sir Luke im Palastgarten vor sie gestellt hat, als Eden sie begrüßen wollte.
»Denkst du, es gibt im Wald etwas zum Würzen?«, fragt Annie dann und ich richte meinen Blick wieder auf sie. »Darüber habe ich auch schon nachgedacht. Wir sollten die Augen nach etwas offenhalten.«
Annie betrachtet ihren Fisch eingehend. »Salz wäre schön. Salz gibt es im Meer, aber wir sind nicht in der Nähe vom Meer.« Sie sieht fragend zu mir auf.
Ich lächle. »Ich fürchte nicht. Aber wir können …« Ich breche ab, als Stella plötzlich aufsteht und auf die Heilige und Eden zustampft.
»Onkel!«
Im ersten Moment bin ich überrascht über die Wut in ihrer Stimme, aber als ich zu Eden sehe, um herauszufinden, woher sie kommt, verstehe ich es sofort. Er sitzt sehr dicht bei Ihrer Heiligkeit und seine Hand liegt auf ihrem Oberschenkel. Das allein wäre schon besorgniserregend, aber diesmal kann ich trotz ihres Schleiers sehen, wie Ihre Heiligkeit darüber denkt.
Ihr Oberkörper ist leicht von Eden weg gelehnt, ihr Kopf gesenkt und ihre Fäuste geballt. Es ist zu offensichtlich, als das Eden es nicht aufgefallen sein könnte, noch dazu sollte er wissen, dass die Heilige Kontakt mit Männern nicht gewohnt ist und entsprechend davon eingeschüchtert sein könnte.
»Ich glaube nicht, dass Eure Hand etwas auf dem Bein Ihrer Heiligkeit verloren hat«, sagt Stella mit strenger Stimme und ich bin froh, dass sie aufmerksamer war als ich. Nach Sir Lukes Reaktion hätte ich wissen müssen, dass Eden nicht mit Ihrer Heiligkeit allein gelassen werden kann.
»W-Was?« Eden sieht irritiert zu Stella auf, aber er nimmt seine Hand nicht zurück.
»Eure Hand«, wiederholt Stella. »Entfernt sie von dem Bein Ihrer Heiligkeit!«
Wut tritt in Edens Blick und ich weiß, dass er dazu neigt, gewalttätig zu werden, wenn er in eine Ecke gedrängt wird. Ich richte mich etwas auf, was seine Aufmerksamkeit auf mich lenkt. Die Wut verschwindet von seinem Gesicht und er hebt abwehrend die Hände. »Tu doch nicht so, als hätte ich etwas Schlimmes getan. Alles, was ich wollte, war Lorelai Trost zu spenden. Ist es nicht so?«
Ich schüttle den Kopf, während ich mich wieder entspanne. Eden war schon immer temperamentvoll, was es sehr anstrengend macht, wenn man seinen Zorn auf sich zieht. So gesehen ist es ein Vorteil, dass wir weit weg von Libera sind und er seinen Einfluss als Prinz nicht nutzen kann.
»Entschuldigt mich für einen Moment.« Die Stimme Ihrer Heiligkeit klingt rau, sodass ich sie im ersten Moment gar nicht wiedererkenne. Und dann springt sie auf die Füße und läuft in den Wald, was für jemanden mit ihrer schwächlichen Verfassung viel Kraft kosten muss.
Ich lege die Stirn in Falten, während ich ihr hinterher sehe. Ihre Reaktion kommt mir eigenartig vor, in Anbetracht der Ruhe, die sie bisher ausgestrahlt hat. Auf der anderen Seite denke ich das vielleicht nur, weil sie fast die ganze Zeit einen Schleier getragen hat und ich nur raten konnte, was sie denkt.
»Euer Hoheit, wieso setzt Ihr Euch nicht zu mir?«, frage ich mit ruhiger Stimme, um die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, da ich nicht der einzige bin, der sich über das Verhalten Ihrer Heiligkeit zu wundern scheint. »Es gibt etwas, dass ich mit Euch besprechen möchte.«
Eden sieht mich an und verdreht dann die Augen. »Ist das wirklich nötig, Mikail?«
»Ich dachte nur, das wir uns Mühe geben sollten, die Situation so angenehm wie möglich für uns alle zu machen. Ich bin sicher, Ihre Heiligkeit würde das zu schätzen wissen.«
Eden sieht aus, als würde er mir kaum zuhören, bis ich ‚Ihre Heiligkeit‘ sage. Ein Funkeln tritt in seine Augen und er schnaubt. »Sieh einer an. Sogar einen Spätzünder wie du, der noch nie die Hand einer Frau gehalten hat, lässt Lorelais Schönheit nicht kalt. Aber du solltest nicht vergessen, dass du ein verlobter Mann bist, Mikail.«
Ich bemühe mich um einen gelassenen Ausdruck, während ich mit den Zähnen knirsche. Er versucht mir allen Ernstes weiszumachen, seine Unfähigkeit seine primitiven Triebe unter Kontrolle zu halten, sei ein Beweis seiner Reife! »Wollt Ihr andeuten, ich hätte unangebrachte Absichten gegenüber Ihrer Heiligkeit?«, frage ich mit kühler Stimme und Edens selbstbewusstes Grinsen verblasst. »Ich will dich nur warnen. Da ich sie am längsten kenne, weiß ich nur zu gut, welchen Effekt Lorelai auf einen Mann haben kann.«
»Das konnten wir alle sehen, Euer Hoheit«, erwidere ich, den Blick fest auf ihn gerichtet.
Eden schluckt, aber er verzieht verärgert das Gesicht. »Was willst du damit sagen?!«
»Dass es besser wäre, wenn Ihr Euch neben mich setzt.«
Eden schnaubt, aber er weicht meinem Blick aus.
»Er hat recht, Onkel«, kommt Stella mir zu Hilfe. »Hilena und ich werden Ihrer Heiligkeit Gesellschaft leisten, wenn sie wiederkommt. Ihr könnt Euch also in Ruhe mit Mikail unterhalten.«
»Ich will mich nicht mit Mikail unterhalten!«, braust Eden auf.
»Dann könnt Ihr die Zeit zum Nachdenken nutzen«, sagt Stella, ohne zu zögern.
Eden springt auf die Füße, um sich vor Stella aufzubauen. »Du bist reichlich frech, Nichte. Wenn wir zurück in Libera sind, werde ich -«
»Werde ich Ihrer Majestät von Eurer Respektlosigkeit gegenüber der Heiligen berichten.« Stellas laute Stimme übertönt Edens und er wird blass.
Der König mag der mächtigste Mann im Königreich sein, aber die Königin besitzt einen Einfluss anderer Art, der nicht zu unterschätzen ist und ihr waren die Eskapaden ihres jüngsten Sohns schon immer ein Dorn im Auge. Eden war schon in einige Skandale mit Frauen verwickelt, aber vor einigen Jahren ist der gesamte Palast in Aufruhr gewesen, weil eine dieser Frauen die Heilige war. Es wurde so gut wie möglich vertuscht und offiziell handelte es sich dabei nur um ein Missverständnis. Aber laut Stella hat Eden seither Angst vor seiner Mutter.
Eden rümpft die Nase und stößt ein Zischen aus. »Welche Respektlosigkeit? Ich habe nichts getan«, grummelt er, aber er kommt auf mich zu und lässt sich neben mich fallen.
Es dauert eine ganze Weile, bis Ihre Heiligkeit aus dem Wald zurückkehrt und Eden, der bis jetzt mit unzufriedener Miene neben mir gesessen hat, will sofort aufspringen. Aber ich halte ihn auf, indem ich meinen Arm hebe. »Euer Hoheit.«
»Was?!«, zischt Eden und funkelt mich wütend an, aber ich lasse mich davon nicht beirren. »Es war ein langer Tag. Wieso bleibt Ihr nicht sitzen?«
Edens Miene verdüstert sich noch weiter, aber er lehnt sich wieder zurück. »Du hast ein Talent dafür, äußerst nervig zu sein, Mikail!«, grummelt er, während sein Blick zur Heiligen huscht.
Ich verstehe nicht, weshalb er so fixiert auf sie ist. Auch ich gebe zu, dass sie sehr schön ist, aber sie ist die Heilige und somit in erster Linie ein Teil der Kirche, deren Mitglieder es ablehnen, Beziehungen romantischer Natur einzugehen. Dass Eden diesen Wunsch so offen ignoriert, zeigt, wie wenig Respekt er für die Heilige hat, obwohl er sich benimmt, als wäre er in sie verliebt.
»Wenn mein Onkel Euch noch einmal belästigt, sagt es mir, dann werde ich ihn für Euch tadeln.«
Ich richte meinen Blick auf Stella, die die Heilige anlächelt, die sich, wie geplant, zwischen sie und Hilena gesetzt hat.
»Ich habe Lorelai nie belästigt!« Eden richtet sich wieder etwas auf, als er Stella mit empörter Stimme widerspricht. »Das war schon damals ein Missverständnis, weil ihr übereifriger Leibwächter völlig ausgerastet ist. Um den sollte man sich Sorgen machen, nicht um mich!«
Ich lege die Stirn in Falten. Ich weiß nichts über Sir Luke, außer den Gerüchten über seine Hingabe, mit der er seine Aufgabe als Wächter der Heiligen erfüllt. Aber auch wenn es nur Gerüchte sind, ich bezweifle, dass die Heilige jemandem erlaubt hätte, für so lange Zeit an ihrer Seite zu bleiben, wenn sie ihm nicht vertrauen würde. Außerdem erschien mir Sir Luke nicht wie die Art Person, die ohne Grund ausrastet.
»Willst du andeuten, dass Sir Luke, ein Templer, der mit der Aufgabe betraut ist, Ihre Heiligkeit zu schützen, unehrenhafte Absichten gegenüber Ihrer Heiligkeit hegt?!«, fragt Stella mit scharfer Stimme, als würde sie dasselbe denken wie ich.
Aber dann zuckt Eden plötzlich zusammen. »Urg!«
Ich runzle die Stirn, als ich sehe, wie er sich die Hände auf den Bauch legt, den Körper leicht nach vorn gekrümmt.
»Sei nicht so naiv. Dieser Kerl ist – argh!« Er bricht mit einem Stöhnen ab und krümmt sich noch weiter. »Mikail, diese blöden Beeren waren doch giftig. Lorelai!«
Ich sehe ihn verdutzt an. Die Beeren? Ich weiß, dass Eden einige der Beeren gegessen hat, aber das habe ich auch, ohne davon etwas zu spüren. Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht so viele gegessen habe?
Ein Geräusch lässt mich wieder zur Heiligen sehen, die eine Hand erhoben und wohl mit den Fingern geschnippt hat. »Verzeiht mir, Euer Hoheit, dass ich Euren Zustand nicht früher bemerkt habe.«
Eden neben mir atmet erleichtert auf. »Da ich verstehe, dass es ein anstrengender Tag für dich war, vergebe ich dir. Außerdem war es ja nicht deine Schuld«, sagt er, als wäre es sein Recht auf Heilung der Heiligen zu bestehen.
»Mika.« Annie zupft an meinem Ärmel und als ich sie ansehe, bedeutet sie mir, mich etwas näher zu ihr zu lehnen.
Sie senkt die Stimme und flüstert mir ins Ohr. »Hast du wirklich giftige Beeren für Ihre Heiligkeit gepflückt?«
Ich versteife mich.
»War das der Grund, weshalb Ihre Heiligkeit vorhin davongelaufen ist?« Annie lehnt sich zurück und sieht mich besorgt an, die Hand, die sie sich zum Flüstern an den Mund gehalten hat, noch immer erhoben.
Ich schüttle den Kopf. »Ihre Heiligkeit kann sich selbst heilen. Außerdem habe ich die Beeren probiert und mir geht es gut. Seine Hoheit hat wohl zu viele von ihnen gegessen.«
»Mika!« Annie zieht kräftiger an meinem Ärmel und es sieht nicht so aus, als hätten sie meine Worte beruhigt. »Du kannst doch nicht einfach etwas essen, das giftig sein könnte!«
Ich lächle, als ich verstehe, was ihr Sorgen macht. »Es braucht etwas mehr als eine Waldbeere, um mich ins Grab zu bringen«, sage ich leise und streiche ihr beruhigend über den Kopf.
»Sag so etwas nicht!« Annie zieht einen Schmollmund.
Ich lache leise. »Verzeih mir.«
An diesem Abend fällt es mir schwer einzuschlafen. Und das liegt nicht daran, dass ich auf dem harten Boden liege, ohne auch nur eine Decke und in festlicher Kleidung, die zum Schlafen nicht sehr bequem ist. Außerdem ist es kühl und ich habe mein Jackett ausgezogen, um es Annie zu geben. Aber der Tag war anstrengend und ich bin entsprechend müde, sodass ich auch auf Steinen geschlafen hätte.
Aber mir gehen die Worte Ihrer Heiligkeit, kurz bevor sich alle hingelegt haben, nicht aus dem Kopf. Sie hat recht, dass es ein Problem wäre, sollte uns ein Monster finden und dass es die beste Lösung ist, auf ihre Barriere zu vertrauen. Aber das bedeutet, dass sie keine Sekunde schlafen kann.
Wir befinden uns allem Anschein nach weit entfernt vom nächsten Dorf, was bedeutet, das wird nicht die letzte Nacht sein, in der wir auf die Barriere Ihrer Heiligkeit angewiesen sind. Dazu kommt, dass wir nicht schnell reisen können, da die Heilige auch so schon in keiner guten Verfassung ist. Ihr Zustand wird sich verschlimmern, je weniger sie schläft und je schlechter es ihr geht, desto langsamer kommen wir voran und desto länger sind wir auf ihre Barriere angewiesen.
Es ist ein Teufelskreis und der Gedanke, dass es keine Möglichkeit gibt, ihn zu durchbrechen, lässt mir keine Ruhe. Und dann höre ich ein Rascheln.
Es ist leise, aber das Geräusch lässt mich hochschrecken und ich merke, dass ich trotz allem dabei war wegzudämmern. Aber jetzt bin ich wieder völlig wach und setze mich auf. Ich sehe gerade noch etwas Weißes, das zwischen den Bäumen verschwindet, und als ich mich umsehe, bemerke ich, dass die Heilige nicht mehr an ihrem Platz am Feuer sitzt. Ich stehe auf.
Es ist nicht schwer, die Heilige einzuholen, da sie sehr langsam geht, aber anstatt zu ihr aufzuschließen, folge ich ihr leise. Ich weiß selbst nicht genau wieso, aber etwas hält mich davon ab, sie anzusprechen.
In der Dunkelheit ist ihr weißer Mantel gut auszumachen und im Licht des Mondes, der zwischen den Zweigen der Bäume hindurchscheint, verleiht es ihr etwas Surreales. Vielleicht liegt es daran, dass sie einen solchen Kontrast zu ihrer Umgebung darstellt. Oder daran, dass ich außer dem leisen Rascheln ihres Mantels, der über den Boden schleift, kein Geräusch von ihr höre. Kein Keuchen oder Husten. Und keine Schritte. Oder daran, dass sie weitergeht, obwohl ich mir sicher bin, dass sie bemerkt hat, dass ich ihr folge.
Wir erreichen den Fluss und Ihre Heiligkeit bleibt am Ufer stehen.
»Solltet Ihr nicht schlafen?« Auch jetzt klingt die klare Stimme der Heiligen ruhig, als wäre sie kaum außer Atem. Aber wir sind auch sehr langsam gelaufen.
Sie dreht sich zu mir um und das Mondlicht erhellt ihr Gesicht, das nicht von ihrem Schleier bedeckt wird. Ihre Haut wirkt, als wäre sie aus Porzellan und der Blick in ihren dunklen Augen strahlt eine kühle Ruhe aus, wie ein See bei Nacht.
Ich schlucke, als mich plötzlich Nervosität erfüllt. »Es fühlt sich unfair an zu schlafen, wenn Ihr wach bleiben müsst, um uns zu beschützen.«
Sie runzelt die Stirn. »Macht es einen Unterschied, wenn wir morgen beide müde sind?«, fragt sie und ich verspüre Erleichterung darüber, einen Ausdruck auf ihrem Gesicht zu sehen, der so gewöhnlich ist.
Ich schüttle lächelnd den Kopf. »Ich wollte außerdem mit Euch reden«, erkläre ich, während ich zu ihr ans Ufer trete. »Ich habe mich noch nicht bei Euch bedankt.«
»Wofür?«
»Ihr habt nicht nur meine Schwester geheilt, sondern auch mich. Außerdem habt Ihr die Bergtrolle besiegt und Ihr beschützt uns vor den Monstern. Ohne Euch wären wir lange tot.« Ich bin ihr ohne nachzudenken gefolgt, aber sie hat so viel für uns getan und es ist ein guter Moment, um es anzusprechen.
»Für all das wollt Ihr mir danken?«
Ich nicke. »Es erscheint mir angebracht.«
Die Heilige mustert mich und ich bin mir nicht sicher, wie ich ihren skeptischen Blick interpretieren soll.
»Dann sollte ich mich wohl auch bei Euch bedanken. Dafür, dass Ihr Euch dem Attentäter in den Weg gestellt habt.« Der Blick in ihren Augen ändert sich nicht und sie wirkt kein bisschen dankbar auf mich.
Ich bin Menschen gewohnt, die eine Sache sagen und eine andere meinen, aber die meisten geben sich mehr Mühe, dabei überzeugend zu sein. »Ich bin mir nicht sicher, ob Ihr meine Hilfe so nötig hattet wie ich Eure.«
»Das hatte ich nicht«, antwortet Ihre Heiligkeit plump, als ob sie darauf hinauswollte.
»Verzeihung.« Ich senke etwas aus dem Konzept gebracht den Blick. Sie hat nicht unrecht. Sie ist sehr viel mächtiger, als ich dachte und wenn ich es schaffen konnte, den Attentäter abzuwehren, dann hätte sie das auch gekonnt.
»Versteht mich nicht falsch, ich bin geschmeichelt, dass Ihr mir helfen wolltet.« Ihre Stimme klingt sanfter als zuvor. »Aber Ihr hattet Glück, dass es so ein schwacher Angriff war. Ihr solltet nicht versuchen, jemanden zu retten, der stärker ist als Ihr.«
Ich denke, ich bin arrogant geworden. Mein Leben lang wurde ich als Genie wegen meiner Begabung für Aura bezeichnet. Aber mein Talent ist nichts verglichen mit der Heiligen und anstatt ihr zu helfen, war ich eher eine Belastung, da sie mich heilen musste, nachdem sie fünf Bergtrolle abgewehrt hat. Es ist neu für mich. Aber es ändert nichts. »Ich verstehe, was Ihr sagen wollt, aber das kann ich nicht tun.«
»Wieso nicht?«
Ich höre den unzufriedenen Unterton in ihrer Stimme, aber ich hebe den Kopf und sehe sie entschlossen an. »Ich weiß, dass ich mich mit Eurer Macht nicht messen kann. Aber in diesem Moment wirkte es auf mich, als wärt Ihr überrascht und ich dachte, Ihr schafft es vielleicht nicht, rechtzeitig zu reagieren.«
Sie scheint einen Moment überrascht. »Selbst dann wäre meine Chance zu überleben besser als Eure.«
Ich schüttle den Kopf. »Das sehe ich anders, Eure Heiligkeit. Wenn ich verletzt werde, seid Ihr in der Lage, mich zu heilen, aber wenn Ihr verletzt werdet, kann ich Euch nicht helfen.«
»Ihr habt großes Vertrauen in meine Fähigkeiten«, sagt die Heilige nach einer kurzen Pause und es liegt eine eigenartige Schärfe in ihrem Blick, als wolle sie mich davor warnen, zu großes Vertrauen in sie zu haben.
Ironischerweise stärkt ihre Warnung mein Vertrauen eher. »Natürlich.«
Die Miene der Heiligen verdüstert sich, als ich ihre Warnung in den Wind schlage. »Und was ist, wenn ich Euch nicht helfen kann? Ein Attentäter, der es darauf anlegt, mich zu töten, wird nach Wegen suchen, eine Verletzung herbeizuführen, die ich nicht heilen kann.«
»In diesem Fall würde ich wohl sterben«, antworte ich, etwas amüsiert davon, dass sie dachte, ich würde voraussetzen, von ihr gerettet zu werden. Dabei war sie es, die mich geheilt hat, als wäre es ihre Pflicht.
»Seid Ihr nicht ein bisschen jung, um so leichtfertig vom Tod zu sprechen?« Sie mustert mich, als hätte ich etwas Eigenartiges gesagt.
»Das stimmt«, erwidere ich mit einem ähnlichen Gefühl, während ich sie mustere. Es ist leicht zu vergessen, durch ihr beherrschtes Verhalten und ihren Schleier, aber ihre jugendlichen Züge sind unverkennbar. Sie ist nur etwas älter als Annie. »Aber solltet gerade Ihr das zu mir sagen?«
»Was ist seltsam daran?«
»Ihr seid jünger als ich.«
Die Heilige macht ein irritiertes Gesicht, als hätte sie nicht erwartet, dass ich älter bin als sie, dabei liegen vier Jahre zwischen uns.
Sie räuspert sich. »Was ich sagen wollte, ist, dass Ihr viel zu verlieren habt. Ihr seid der Erbe eines großen Hauses und Ihr seid außerdem mit der Prinzessin verlobt.«
»Ihr habt recht.« Mein Blick huscht zum Wasser, das neben uns leise plätschert. Wie oft habe ich diese Worte gehört? Es ist eigenartig, sie von einer praktisch Fremden zu hören, gleichzeitig haben sie aus dem Mund Ihrer Heiligkeit besonders Gewicht. Denn sie hat mir vor Augen geführt, dass ich lange nicht stark genug bin, um der Person gerecht zu werden, die ich sein will. »Aber ich würde auch etwas verlieren, wenn ich das Risiko nicht eingehe.«
»Was wäre das?«
Ich sehe wieder zur Heiligen, die mich mit einem skeptischen Blick betrachtet. Für sie muss ich wie ein leichtsinniger Dummkopf klingen. »Der Mensch, der ich sein will.«
»Ich verstehe nicht.«
»Ich bin ein Ritter, Eure Heiligkeit«, sage ich mit Überzeugung. Denn ich bin lieber ein Dummkopf mit Überzeugung, als ein Feigling ohne. »Und ich möchte die Art Ritter sein, die keine Angst hat, sich in Gefahr zu bringen, um jemandem zu helfen.«
Die Heilige starrt mich an. »Mir war nicht bewusst, wie naiv Ihr seid«, sagt sie mit leiserer Stimme, als würde sie eher ihre Gedanken aussprechen, als mir eine Antwort zu geben.
Ich lache über ihre unerwartete Ehrlichkeit. »Ich verstehe, warum Ihr es so seht, aber ich habe nicht vor, jemand zu sein, der ständig gerettet werden muss.« In einem Anflug von Übermut trete ich einen Schritt zurück und verbeuge mich. »Ich verspreche Euch, dass ich sehr bald stark genug sein werde, um Euch eine Hilfe zu sein.«
Die Heilige sagt nichts und ich vermute, dass es ihr schwerfällt, mich ernst zu nehmen. Aber das ist in Ordnung. In ihrer Position würde ich mich vermutlich auch nicht ernst nehmen können.
Ich richte mich auf und sehe sie an. Und der Ausdruck auf ihrem Gesicht lässt mich erstarren. Entgegen dem resignierten Blick, den ich erwartet habe, steht Kälte in ihren Augen. Ein so frostiger Ausdruck, als hätten meine Worte sie beleidigt. Aber gerade als ich mich frage, was ich gesagt haben könnte, verschwindet der Ausdruck.
Ich blinzle, als sie mich mit demselben ruhigen Blick wie zuvor ansieht. Was war das?
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