Kitsune

I.

Vergebene Mühe

»Oh, Ms. Aozora, Sie wollen schon gehen?« Akira Mori blickt überrascht auf, als ihre Kollegin sich von ihrem aufgeräumten Schreibtisch erhebt.

»Ja, ich habe einen wichtigen Termin«, antwortet Rem mit einem ungewöhnlich breiten Lächeln.

Mori unterbricht ihre Arbeit und sieht sie überrascht an. »Ist etwas Gutes passiert? Geht es um Ihren Freund?«

»Es ist sein Geburtstag.« Rems Lächeln wird noch breiter.

»Deshalb also die Freude über die Lieferung vorhin«, kommt eine tiefe Stimme von hinter ihnen.

Beide Frauen drehen ihre Köpfe in Richtung des blonden Mannes, der auf sie zukommt. In der rechten Hand trägt er einen Ordner, die linke steckt in der Hosentasche seines teuren Anzugs. »Wie oft muss ich Ihnen noch sagen, dass Sie das Unternehmen nicht für Ihr Privatleben nutzen sollen, Ms. Aozora?«

»Bis Sie mir einen Grund nennen, der nicht kleinlich ist, Mr. Inouye«, antwortet Rem ohne zu zögern.

»Das ist eine Sache des Standpunktes.«

»Stimmt und Ihrer ist engstirnig und nicht nachvollziehbar.« Immerhin ist sie nicht die Einzige, die private Pakete ins Büro bestellt, sondern nur die Einzige, die er kritisiert. Rems Lächeln kehrt zurück. »Nun gut. Ich bin dann mal weg.« Sie packt ihre Tasche und geht an den beiden vorbei zur Tür.

»Ich wünsche viel Spaß an Ihrem freien Tag«, ruft Inouye ihr hinterher. »Denn Sie werden einiges nachholen müssen, wenn Sie zurückkommen.«

Rem wirft einen Blick über ihre Schulter. »Ich habe meine Arbeit für diese Woche schon erledigt.«

»Als ob!«

»Aber sie hat es wirklich«, hört Rem Mori antworten. »Sie hat in den letzten Tagen besonders hart gearbeitet, damit sie sich heute und morgen freinehmen kann.«

»Wie?« Der überraschte Aufschrei von Inouye zaubert ein Grinsen auf Rems Gesicht, als sie das Büro verlässt. Er hat vor einem Jahr hier angefangen und versucht seither, ihr den Platz als Nummer eins in der Verkaufsabteilung streitig zu machen. Aber sie würde diesen Platz auf keinen Fall einem selbstgefälligen Schnösel wie ihm überlassen.

Rem nimmt die Bahn zu ihrer Wohnung, die nur zwei Stationen entfernt ist, und am frühen Nachmittag ist es eine angenehme Fahrt mit wenigen Leuten. Sie lächelt vor sich hin, als sie den braunen Umschlag in ihren Händen betrachtet. Ihr diesjähriges Geburtstagsgeschenk ist ein teures, und sie hat auf der Arbeit einige zusätzliche Projekte übernommen, damit sie es sich leisten kann. Es ist eine Eintrittskarte für zwei Personen für eine exklusive Anime-Messe, die im Herbst stattfindet. Animes und Mangas sind Kosukes Ding, und Rem versteht nicht viel davon. Umso stolzer ist sie, dass sie die Karten ergattert hat.

Er spricht schon seit einer Weile davon, dass er dorthin gehen will, und sie weiß, wie deprimiert er in letzter Zeit ist, weil seine Karriere als Mangaka im Moment nicht gut läuft.

Sie verlässt den Zug mit federndem Schritt und summt fröhlich vor sich hin, während sie sich Kosukes Gesicht vorstellt, wenn er die Tickets sieht.

»Kosuke!«, ruft sie fröhlich, nachdem sie die Wohnungstür aufgestoßen hat. Doch kaum ist sie über die Schwelle getreten, fällt ihr etwas Seltsames auf. Die Poster von Kosukes Lieblingsanimefiguren an der Wand fehlen. »Kosuke?« Verwirrt betritt Rem den Raum und sieht noch mehr kahle Wände. Und es fehlen noch einige andere Dinge, die Kosuke, der neben dem Bett steht, in einen großen Rucksack packt. »Wo willst du denn hin?«

Er starrt sie seinerseits an, als würde er etwas Verbotenes tun. »Warum bist du schon zurück?«, fragt er, während er ihrem Blick ausweicht.

»Du hast Geburtstag. Natürlich komme ich da früher nach Hause«, antwortet sie. »Aber was ist das alles? Warum packst du all diese Sachen?«

Kosuke seufzt und wendet sich ihr zu. »Du hast also daran gedacht, dass ich heute Geburtstag habe.«

»Natürlich habe ich das. Warum sagst du das?«

»Komm schon Rem, du weißt genauso gut wie ich, dass das nicht mehr funktioniert.«

Rem erstarrt. Dieses ungute Gefühl, das sich seit dem Betreten der Wohnung langsam in ihr breitgemacht hat, schnürt ihr nun die Kehle zu.

»Du arbeitest immer, und im letzten Monat bist du so spät nach Hause gekommen, dass du praktisch nur zum Schlafen hier warst. Ich bin sicher, du bist auch erleichtert, den Typen loszuwerden, der auf deine Kosten mit dir zusammenlebt.« Er wendet sich wieder seinem Rucksack zu.

»W-Wovon redest du? Habe ich jemals so etwas zu dir gesagt?« Sie macht einen Schritt auf ihn zu, in der Hoffnung, seine Aufmerksamkeit zurückzubekommen.

»Das war nicht nötig.«

»Aber es ist nicht wahr! Ich weiß, dass es gerade nicht so gut bei dir läuft, aber das ist nur vorübergehend!«

Kosuke seufzt wieder, aber er sieht sie wenigstens an. »Ich bin nicht blind. Du gehst nicht einmal gerne mit mir aus.«

Sie packt ihn am Arm. »Das ist nicht wahr! In letzter Zeit war ich nur müde von der Arbeit, aber ab jetzt werde ich nicht mehr so viel zu tun haben, und ich -«

»Ich hab jemand anderen«, sagt er mitten im Satz und Rem unterbricht sich selbst. Ihre Hand rutscht von seinem Arm.

»Ich wusste gar nicht, wie unglücklich ich mit dir bin. Du willst dich auf deine Karriere konzentrieren, das verstehe ich, aber weißt du, wie es ist, den ganzen Tag zu Hause zu sitzen und kein Glück mit der eigenen Karriere zu haben, während deine Freundin das Geld verdient?« Er schüttelt den Kopf. »Ich habe es nur so lange ausgehalten, weil ich dich wirklich mochte, Rem. Aber wir passen einfach nicht zusammen. Wir haben keine gemeinsamen Interessen und ehrlich gesagt macht es mir auch keinen Spaß, es mit dir zu tun. Ich meine, ich wusste gar nicht, wie wenig du mich befriedigt hast.«

Rems Gedanken wirbeln durcheinander. Vorher war sie nicht in der Lage, etwas zu sagen, aber seine letzten Worte sind wie ein Schlag ins Gesicht. Sie atmet tief ein und setzt eine beherrschte Miene auf. »Nun gut.«

Kosuke blinzelt über ihren plötzlichen Sinneswandel, dann schnaubt er. »Siehst du, du nimmst es so einfach hin. Du liebst mich wirklich nicht, oder? Hast du nie.«

Wut flammt in Rems Bauch auf. »Was hast du erwartet, was ich nach all dem sagen soll?!«

»Kümmert es dich überhaupt, dass ich Schluss mit dir mache? Wenn du mich wirklich liebst, solltest du dann nicht versuchen, mich aufzuhalten?«

»Du bist derjenige, der weg will!«

»Weil du nie hier bist! Ich war in den letzten Jahren geduldig, aber du kannst dich nicht einmal bemühen?! Ist es so schwer für dich zuzugeben, dass du schuld bist?! Oder ist es dir einfach egal?!« Kosukes Stimme ist laut, aber Rem behält ein ernstes Gesicht. »Du fragst mich, ob es mich interessiert, nachdem du mich betrogen hast?«, fragt sie und er zuckt zusammen.

»Ich wusste nicht, dass du so unglücklich bist und dass du dich wegen mir noch schlechter fühlst. Aber wenn dir etwas an mir liegen würde, hättest du etwas gesagt, anstatt mit einer anderen ins Bett zu gehen.«

Kosuke runzelt die Stirn und presst die Lippen aufeinander. »Das ist genau der Grund, warum ich nicht mit dir reden kann. Du musst immer den anderen in einem Gespräch dominieren. Wie soll ich irgendetwas sagen, wenn du mich die ganze Zeit wie einen Idioten behandelst?! Das habe ich schon immer an dir gehasst!«

Diesmal zerbricht etwas in Rem. Sie mag ein beherrschter Mensch sein, aber das Wort 'Hass' von Kosukes Lippen zu hören, erschüttert ihre Selbstbeherrschung.

Sie dreht sich auf dem Absatz um, unfähig, Kosuke länger anzusehen, aber nach zwei Schritten merkt sie, dass sie immer noch den Umschlag in der Hand hält. Sie zögert, doch dann dreht sie sich noch einmal um, geht zurück zu Kosuke und drückt ihm den Umschlag gegen die Brust. »Du bist besser weg, wenn ich zurückkomme«, sagt sie, wobei ihre Stimme trotz aller Mühe zittert und ihre Sicht verschwimmt. Dann stampft sie aus der Wohnung.


 

Anstatt auszugehen und zu feiern, verbringt Rem ihren freien Tag zu Hause, trinkt und versucht zu vergessen, wie leer die Wohnung aussieht. Sie hat es nicht so mit dem Dekorieren, Kosuke hat das immer gemacht. Er kocht auch und macht die Hausarbeit. Meistens jedenfalls. In den letzten Wochen ist er nachlässig gewesen. Wahrscheinlich wegen dieser anderen Frau, mit der er jetzt zusammen ist.

Die Gedanken verfolgen sie, all die Fehler, die sie gemacht hat, all die Male, die sie Kosuke vernachlässigt hat. Wären die Dinge anders, wenn sie früher nach Hause gekommen wäre? Ist ihr der Platz als Nummer eins auf der Arbeit mehr wert gewesen als Kosuke? Er hat sie gefragt, ob sie ihn überhaupt liebt. Sie hat ihm dieses Gefühl gegeben, und das hat ihn in die Arme einer anderen Frau getrieben. Vielleicht ist sie wirklich schuld.

Und dann, am Samstag, zwei Tage nachdem Kosuke gegangen ist, erhält Rem eine SMS von Mori, in der sie sie um Hilfe bei einem Problem auf der Arbeit bittet.

Noué, das Unternehmen, für das Rem arbeitet, erstellt Werbungen, und die Verkaufsabteilung ist für den Umgang mit den Kunden zuständig. Dazu gehören das Anwerben neuer Kunden, Vertragsverhandlungen, die Präsentation von Entwürfen und fertigen Projekten, sowie die Bearbeitung von Kundenbeschwerden. Vor allem letzteres erfordert Fingerspitzengefühl und Geschick, und Mori bittet Rem gerne um Rat, wenn sie mit einer Beschwerde konfrontiert wird.

Schließlich arbeitet Rem den Rest des Wochenendes und den Montag danach erscheint sie früh im Büro. Sie findet es angenehm zu arbeiten. Es ist erfüllend und lenkt sie ab.

»Sie sehen erschöpft aus, Ms. Aozora«, bemerkt Mori und ein Grinsen breitet sich auf ihrem Gesicht aus, während sie Rem von der Seite beobachtet. »Hatten Sie eine schöne Zeit mit Ihrem Freund?«

Rem schaut auf ihren Bildschirm. Sie steht ihren Kollegen nicht besonders nahe, aber Mori hat den Schreibtisch neben ihrem, und Rem legt Wert auf ein reibungsloses und freundschaftliches Verhältnis zu ihren Kollegen. Aber sie beschließt von nun an nicht mehr über ihr Privatleben zu reden. »Das geht Sie gar nichts an«, sagt Rem, aber sie achtet darauf, dass ihre Stimme dabei fröhlich klingt und ein verheißungsvolles Lächeln ihre Lippen ziert.

»Ach, ich wünschte ich hätte auch einen Freund, über den ich geheimnisvolle Andeutungen machen könnte«, jammert Mori, aber sie wendet ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem eigenen Bildschirm zu. Es ist ein Charakterzug, den Rem an ihr schätzt. Mori hat einen offenen und freundlichen Charakter, aber sie ist nicht neugierig.

»Hey, Aozora!« Jemand anderes ruft ihr zu, kaum ein paar Minuten später, und sie muss sich nicht umdrehen, um zu sehen, wer es ist. Es gibt nur eine Person im Büro, die sie so rufen würde.

»Raten Sie mal, wer einen Vertrag mit einer großen Kosmetikfirma an Land gezogen hat, während Sie im Urlaub waren«, sagt Inouye mit stolzer Stimme und sie hört das Rascheln von Papier, das zweifellos von ihm stammt, der mit dem besagten Vertrag herumfuchtelt.

»Herzlichen Glückwunsch«, sagt Rem, deren Augen immer noch auf den Bildschirm gerichtet sind. Sie weiß bereits Bescheid und ist nicht in der Stimmung, mit ihm darüber zu diskutieren. In gewisser Weise ist es ihm zu verdanken, dass sie noch mehr in die Arbeit investiert hat, und wenn sie auf seine kindischen Sticheleien wie eine Erwachsene reagiert hätte, hätte sie vielleicht mehr Zeit mit Kosuke verbringen können.

»Ist das Sarkasmus?«, fragt Inouye, obwohl seine Stimme eher verwirrt als wütend klingt.

»Natürlich nicht. Neue Kunden sind immer gut.«

Inouye antwortet nicht, aber es dauert ein paar Sekunden, bis Rem hört, wie er geht.

»Geht es Ihnen gut?«, fragt Mori, nachdem er verschwunden ist.

»Sicher«, sagt Rem, den Blick immer noch auf den Bildschirm gerichtet, und Mori fragt nicht weiter nach.

Es stimmt, dass Inouye während ihrer Abwesenheit einen Deal an Land gezogen hat. Sie mag als die Nummer eins gelten, aber in Wahrheit ist er viel geschickter im Anlocken von Kunden. In dem Jahr, seit er bei Noué angefangen hat, hat er es geschafft, ein so wichtiger Teil der Verkaufsabteilung zu werden, dass es fast beängstigend ist. Vor allem, wenn man bedenkt, mit welcher Gelassenheit er angefangen hat. Inouye ist der Enkel des Vorstandsvorsitzenden von Noués Mutterkonzern Inouye Incorporation und er könnte leicht einen besseren Posten bekommen. Aber er hat eine Gabe, Menschen um den Finger zu wickeln, und das macht ihn wie geschaffen für diesen Job.

Rem hatte immer das Gefühl, dass er sie weit hinter sich lassen würde, wenn sie sich nicht anstrengte, und sie hatte sich leicht von ihm provozieren lassen. Jetzt erscheint ihr das alles sinnlos, denn sie hätte die Zeit, in der sie sich mit ihm gestritten hat, zum Arbeiten nutzen können.

Aber das holt sie jetzt nach. Der Gedanke, in ihre leere Wohnung zurückzukehren, bringt sie dazu, im Büro zu bleiben, bis die Nacht hereingebrochen ist. Und so vergehen ein paar Wochen.

Es ist Monatsende, und das Unternehmen gibt die Rangliste der Mitarbeiter bekannt, die den höchsten Gewinn in diesem Monat erzielt haben. Normalerweise werden die ersten beiden Plätze von Rem und Inouye belegt, die so dicht beieinander liegen, dass es fast ein Unentschieden gibt. Aber diesen Monat hat Rem mit großem Abstand die Führung übernommen.

»Haben Sie Hypnose gelernt oder so?« Inouye rümpft die Nase, während er neben Rem steht und auf die Rangliste starrt.

Aber sie hört ihm kaum zu. Sie hat härter gearbeitet als je zuvor, aber sie fühlt keine Befriedigung. Mit einem Seufzen wendet sie sich ab.

»Hey!«, ruft Inouye, aber sie dreht sich nicht um.

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